Dazukommen oder dazu kommen?

Getrennt- oder Zusammenschreibung – das ist immer wieder die große Frage. Zum Beispiel bei der folgenden Textstelle: 

Alle hatten beim Feuer gesessen und gesungen. Doch Sina war nicht dazu gekommen. Sie musste herausfinden, wo Paul den Schlüssel versteckt hatte.

Muss es hier nicht heißen dazugekommen? Wie so oft gibt es hier keine einfache Antwort. Es kommt ganz auf die Bedeutung an. Und damit auf die Betonung.

Mit dem zweiten Satz könnte Folgendes gemeint sein: Sina war zwar gekommen, aber nicht dazu, nicht zu diesem Zweck – gemeint ist das Singen. Die Betonung liegt in diesem Fall auf dázu und es gilt Getrenntschreibung. 

Es könnte allerdings auch darum gehen, dass Sina zwar gern mit den anderen gesungen hätte, aber vor lauter Schlüsselsuchen nicht dazu kam. Dann liegt die Betonung auf gekómmen. Ebenso wie im vorigen Beispiel gilt auch hier Getrenntschreibung. 

Es gibt allerdings auch einen Fall, in dem dazukommen ein trennbares Verb ist, das zusammengeschrieben wird:

 Alle hatten beim Feuer gesessen und gesungen. Doch Sina war nicht dazugekommen. Sie musste herausfinden, wo Paul den Schlüssel versteckt hatte.

Hier gilt folgende Betonung: dazúgekommen. Die Bedeutung ist, dass Sina gar nicht zu den anderen hingekommen ist, sondern an einem anderen Ort auf der Suche nach dem Schlüssel war.

Wir lernen: Durch Zusammen- oder Getrenntschreibung lassen sich feine Unterschiede markieren.

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Gänsefüßchen halbe-halbe

Wie versprochen schreibe ich heute über halbe Anführungszeichen: Wann stehen sie korrekterweise?

Häufig sehe ich angeführte Textstellen, die kein Dialog sind, in einfachen Anführungszeichen. Zum Beispiel:

Er lag am Strand und las Goethes ›Faust‹.
An der Tür war ein Schild, auf dem stand ›Eintritt verboten‹.

Manchmal sieht man auch direkte Gedanken von Figuren in einfache Anführungszeichen gesetzt:

»Du bleibst hier«, sagte er und hielt den Schlüsselbund hoch. Sie hielt seinem Blick stand, während er sich rückwärts Richtung Tür bewegte. ›Du wirst dich noch wundern‹, dachte sie und schob ihre Hand in die Rocktasche. Gerade als er von außen die Tür schloss und absperrte, bekam sie den Zweitschlüssel zu fassen.

In allen genannten Beispielen sind die halben Anführungszeichen unpassend. Auch bei angeführten Texten, die keine Dialoge sind, stehen die normalen Gänsefüßchen oder Guillemets. Buch-, Film- oder vergleichbare Titeln kann man auch kursiv setzen, was ich bevorzuge.

Er lag am Strand und las Goethes »Faust«.
Er lag am Strand und las Goethes Faust.
An der Tür war ein Schild, auf dem stand »Eintritt verboten«.

Gedanken von Figuren in halben Anführungszeichen sieht man vor allem in älteren Texten. Heute ist das nicht mehr üblich. Gedanken werden gar nicht gesondert hervorgehoben, weil es normalerweise klar ist, was Erzählerbericht ist und was Innensicht der Figur. Manchmal werden Gedanken allerdings auch kursiv ausgezeichnet.

»Du bleibst hier«, sagte er und hielt den Schlüsselbund hoch. Sie hielt seinem Blick stand, während er sich rückwärts Richtung Tür bewegte. Du wirst dich noch wundern, dachte sie und schob ihre Hand in die Rocktasche. Gerade als er von außen die Tür schloss und absperrte, bekam sie den Zweitschlüssel zu fassen.

Oder:

»Du bleibst hier«, sagte er und hielt den Schlüsselbund hoch. Sie hielt seinem Blick stand, während er sich rückwärts Richtung Tür bewegte. Du wirst dich noch wundern, dachte sie und schob ihre Hand in die Rocktasche. Gerade als er von außen die Tür schloss und absperrte, bekam sie den Zweitschlüssel zu fassen.

Wann aber setzt man nun die halben Anführungszeichen? Dafür gibt es nur einen Grund: Wenn in einem Dialog oder einem angeführten Text, der in Anführungszeichen steht, etwas angeführt wird, dann setzt man die betreffende Stelle in halbe Anführungszeichen. Ein paar Beispiele:

»Als ich ihn sah, sagte er nur ›Hau ab‹ und drehte sich zur Wand.«
»›Rosebud‹ war sein letztes Wort.«
»Sein Gesicht war ganz weiß, als er fragte: ›Warum kommst du erst jetzt?‹«
Der Titel ihres Aufsatzes lautet »Die Frauenfiguren in Lev Tolstojs ›Anna Karenina‹«.
Der Titel ihres Aufsatzes lautet »Die Frauenfiguren in Lev Tolstojs Anna Karenina«.

Wir merken uns also: Halbe Anführungszeichen stehen nur bei einem Zitat innerhalb eines Zitats oder einer wörtlichen Rede. In allen anderen Fällen stehen entweder die normalen Anführungszeichen oder gar keine.

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Groß oder klein: Zahl- und Fürwörter

Immer wieder sehe ich Wörter wie die beiden, viele, der eine und der andere großgeschrieben. Aber Zahladjektive schreibt man klein, selbst wenn sie formal Charakteristika von Substantivierungen aufweisen können. Einige Beispiele:

          • Er hat drei Pfund Äpfel gekauft.
          • Wir wohnten in der Hauptstraße neun.
          • Diese Aufgabe konnten nur sieben von zwanzig Schülern lösen.
          • Das Kleid gab es nur in Größe vierzig.
          • Wie soll man das durch drei teilen?
          • Sie trafen sich um fünf nach acht.

Das gilt auch für die Pronomen viel, wenig, einer, anderer – obwohl sie Kennzeichen von Substantivierungen zu haben scheinen:

          • Sie hat sie alle aufgegessen.
          • So etwas hatten viele noch nicht gesehen.
          • Wo sind die beiden?
          • Ich habe mit allen beiden gesprochen.
          • Der eine hat geschlafen, der andere kriegte auch nichts mit.
          • Das wissen manche halt nicht.
          • Um ehrlich zu sein, wissen das nur wenige.
          • Das wenige, was sie wussten, haben sie für sich behalten.

Substantivierte Zahl- und Fürwörter hingegen schreibt man groß. Das gilt für die folgenden unbestimmten Zahladjektive:

          • Vor dem Geschäft hatten sich Unzählige unter lauten Protestrufen versammelt.
          • Die Produktion als Ganzes kann man nur als gelungen bezeichnen.
          • Um alles Übrige brauchst du dich nicht zu kümmern.
          • Sie hatten noch Verschiedenes zu bereden.
          • Ihre Schwester war die Einzige, der sie vertraute.
          • Wir haben alles Mögliche ausprobiert, aber nichts hat geholfen.
          • Er hat mit jedem Einzelnen gesprochen.

Auch substantivierte Ordnungszahlen schreibt man groß. Ebenso Grundzahlen, wenn sie Ziffern bezeichnen. Ein paar Beispielsätze:

          • Sie hatte eine Fünf in Hauswirtschaft.
          • Jedes Mal setzte er wieder auf die Null.
          • Auf das dritte Heft malte er eine große Drei.
          • Nur jeder Dritte trug einen Hut.
          • Der Erste hatte kein Geld, der Nächste wollte nicht bezahlen.

Ist also gar nicht so schwer. Wir merken uns: Nur echte Substantivierungen werden großgeschrieben.

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Auf die Kirche zu laufen oder zulaufen?

Bei einem Lektorat fällt mir folgender Satz ins Auge: Der Täter ist auf den Kanal zu gelaufen. Sofort klingelt etwas in meinem Hinterkopf – müsste es nicht zugelaufen heißen?

Als Lektorin kann ich mich nicht auf mein Gefühl verlassen. Ich muss jede Korrektur meinen Kunden gegenüber begründen können. Deshalb schlage ich lieber nach, wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher bin.

Dabei wird schnell klar: Das Wörtchen zu kann mit einem folgenden Verb der Bewegung zusammengeschrieben werden oder nicht. Das hängt davon ab, ob es ein eigenständiges Adverb bildet oder Verbzusatz ist. Im Duden Band 9 Richtiges und gutes Deutsch heißt es in Bezug auf Verben der Bewegung:

Steht bei solchen Verben eine Richtungsangabe und nicht die Angabe eines angestrebten Zielpunktes, dann ist zu Adverb und steht getrennt vom Verb. In diesen Fällen wird stets (auch) das Verb betont.

Demnach gilt in den folgenden Beispielsätzen Getrenntschreibung:

          • Mehr als drei Stunden ist sie dem Gipfel zu gewandert.
          • Der kleine Junge ist auf dem ganzen langen Weg dem Zoo zu gehüpft.
          • Sie wollten aus dem Boot springen und die letzten Meter auf die Insel zu schwimmen.

Anders verhält es sich, wenn zu Verbzusatz ist. In Duden Band 9 steht hierzu:

Bezeichnet die Angabe des Ortes, der Person o. Ä. nicht nur die Richtung, sondern das angestrebte oder erreichte Ziel, dann ist zu Verbzusatz, ist also Bestandteil des Verbs. In diesem Fall trägt zu den Hauptakzent der Gesamtform des Verbs

Deshalb wird in den folgenden Beispielen zu mit dem Verb zusammengeschrieben:

          • Er kam direkt auf mich zugerannt.
          • Die Fähre war direkt auf den Hafen zugesteuert.
          • Als er nach oben blickte, sah er den Papierflieger direkt auf seinen Kopf zufliegen.

Wie aber sieht es nun bei dem oben erwähnten Satz aus? Wird zusammen oder getrennt geschrieben?

In diesem Fall ist es nicht ganz so klar. Ist einfach gemeint, dass der Täter in Richtung Kanal lief, mit Bedeutungsakzent auf der Richtung, dann schreibt man zusammen und die Wortbetonung liegt auf zu:

          • Der Täter ist auf den Kanal zugelaufen.

Liegt aber die Betonung auf gelaufen, schreibt man getrennt. Gemeint ist dann, dass der Täter lief und nicht langsam ging. Man kann sich vorstellen: Erst schlich er sich ganz unauffällig vom Tatort, ging dann langsam durch die Fußgängerzone und fing erst an zu laufen, als er den Weg zum Kanal einschlug. Dann müsste es heißen:

          • Der Täter ist auf den Kanal zu gelaufen.

Ein anderer Fall liegt vor, wenn das Verb durch das zu eine andere Bedeutung erhält. Das trifft auf die folgenden Beispielsätze zu:

          • Letztes Jahr ist uns ein Wellensittich zugeflogen.
          • Laut Testament soll das Haus seiner Frau zufallen.
          • Der Turm ist nach oben hin spitz zugelaufen.

Aber genug der sprachlichen Spitzfindigkeiten. Ich muss jetzt dringend der Küche zulaufen, um mir einen Kaffee zuzuführen.

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Gänsefüßchen, Punkt und Komma

Beim Lektorat von Prosatexten fällt mir immer wieder auf, wie oft Anführungszeichen falsch gesetzt werden. Wie Gänsefüßchen und Guillemets korrekterweise aussehen, habe ich kürzlich schon erklärt. Heute geht es darum, wie man Anführungszeichen im Dialog von Prosatexten verwendet.

Fehler häufen sich vor allem in der Verbindung mit anderen Satzzeichen. Dann liest man Sätze wie: „Dafür gibt es Regeln,“ sagte er.

Diese Schreibweise, bei der das Komma vor dem schließenden Anführungszeichen steht, findet man auch in alten Druckwerken. So zum Beispiel in der Goethe-Ausgabe meiner Urgroßmutter von 1898, die bei mir im Regal steht. Heute ist das nicht mehr korrekt. Das Komma zwischen angeführtem Text und Inquit-Formel steht nach dem schließenden Anführungszeichen. Im amtlichen Regelwerk heißt es:

Folgt nach dem angeführten Satz der Begleitsatz oder ein Teil von ihm, so setzt man nach dem abschließenden Anführungszeichen ein Komma.

Schauen wir uns den folgenden Dialog ohne Inquit-Formeln an:

„Dafür gibt es Regeln.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ich werde Sie überzeugen.“

Zieht sich ein solcher Dialog über mehrere Zeilen hin, so verliert der Leser leicht den Überblick: Wer sagt hier was? Neben anderen Möglichkeiten, den Sprecher zu markieren, bietet sich hier die Inquit-Formel an:

„Dafür gibt es Regeln“, sagte er.
„Das glaube ich nicht“, erwiderte sie mit einem Lächeln.
„Ich werde Sie überzeugen“, sagte er und stand auf.

Der Punkt am Ende des angeführten Textes fällt weg, wenn eine Inquit-Formel oder ein Begleitsatz mit Komma angehängt wird. Frage- oder Ausrufezeichen am Ende des Dialogsatzes bleiben jedoch erhalten. Auch in diesem Fall wird der Begleitsatz mit einem Komma angehängt.

„Dafür gibt es Regeln“, sagte er.
„Das soll ich glauben?“, fragte sie.
„Ich werde Sie überzeugen!“, rief er aus.
„Das wird Ihnen nicht gelingen“, sagte sie leise, während sie sich abwandte.

Diese Regeln gelten genauso in Verbindung mit den umgekehrten französischen Anführungszeichen.

»Dafür gibt es Regeln«, sagte er.
»Das soll ich glauben?«, fragte sie.
»Ich werde Sie überzeugen!«, rief er aus.
»Das wird Ihnen nicht gelingen«, sagte sie leise, während sie sich abwandte.

Manchmal sieht man auch halbe Anführungszeichen in Dialogtexten: ‚Dafür gibt es Regeln‘, sagte er. Oder: ›Das soll ich glauben?‹, fragte sie. Warum das nicht richtig ist und wann die halben Anführungszeichen verwendet werden, erkläre ich in Kürze.

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