Genus(s) für Gourmets

In Online-Rezepten, Zeitschriften und Kochbüchern lese ich mal eine Zucchini, dann wieder der Zucchino. Was stimmt?

Normalerweise sagt uns unser Sprachgefühl, ob der, die oder das der richtige Artikel ist. Aber bei Wörtern, die wir nicht so oft oder meistens im Plural verwenden, kann das Gefühl schon mal Verwirrung anzeigen. Dasselbe gilt für Fremdwörter, die für uns noch neu und ungewohnt sind.

Wörter, die sich schon in unsere Alltagssprache eingebürgert haben, kann man in den gängigen Wörterbüchern nachschlagen. Aber was ist mit Fremdwörtern, die man in Duden, Wahrig und Co. nicht findet? Gibt es eine grundsätzliche Regel?

Es gibt sogar zwei Prinzipien, an denen man sich orientieren kann: Nach dem Ursprungssprachenprinzip erhalten Fremdwörter im Deutschen das gleiche Genus wie in der Originalsprache. Zum Beispiel:

          • die Bouillabaisse, weil französisch la bouillabaisse
          • der Cappuccino, weil italienisch il Cappuccino
          • der Pesto, weil italienisch il pesto

Allerdings hat dieses Prinzip seine Grenzen. Vor Jahren erhielt ich von einem Verlag eine Redaktionsanleitung, in der Autorinnen, Übersetzerinnen und Lektorinnen angewiesen wurden, es heiße die Mozzarella, die Gorgonzola und die Grappa, weil ja im Italienischen Substantive auf -a weiblichen Geschlechts sind. Einmal ganz abgesehen davon, dass es italienisch il gorgonzola heißt: Nach dieser Logik müsste es auch die Wodka heißen, denn водка ist im Russischen auch ein Femininum.

Das Problem dabei: Wie viele Deutsche können Italienisch? Oder Russisch? Wenn nur wenige wissen, welches Genus ein Wort in der Originalsprache hat, kann sich kein breiter Konsens in der Sprachgemeinschaft herausbilden. Gerade im Englischen gibt es zudem keine Genusunterscheidung mehr, wie wir sie im Deutschen und anderen indogermanischen Sprachen kennen.

Aus diesem Grund gibt es ein zweites Prinzip, an das wir uns halten können. Ich nenne es das Zielsprachenprinzip, weil es sich an den Gegebenheiten der Zielsprache orientiert, in unserem Fall also am Deutschen. Eine Möglichkeit ist es, für das Fremdwort das Genus seiner deutschen Übersetzung zu übernehmen:

          • die Bouillon, obwohl französisch le bouillon, weil die Brühe
          • die Foie gras, obwohl französisch le foie gras, weil die Stopfleber

Das ist allerdings nicht so einfach wie es auf den ersten Blick aussieht. Dass es für Wörter verschiedener Sprachen keine Eins-zu-eins-Übersetzungen gibt, hat die Literaturübersetzerin Isabel Bogdan schon vor längerer Zeit ganz wunderbar beschrieben. Außerdem entlehnen wir Wörter aus Fremdsprachen oft nur deshalb, weil es keine genaue Entsprechung im Deutschen gibt.

Eine andere Möglichkeit ist die Angleichung des Lehnworts an Wörter mit der gleichen Endung oder an Wortgruppen ähnlicher Bedeutung oder Oberbegriffe. So heißt es zum Beispiel:

          • der Mozzarella, der Gorgonzola wie der Cheddar, der Gruyère, der Käse
          • das Brisolett wie das Kotelett, das Omelett, das Tablett
          • der Grappa, der Wodka wie der Cognac, der Gin, der Schnaps, der Whiskey/Whisky

Ganz so eindeutig ist es natürlich nicht. Denn daneben gibt es auch:

          • die Brisolette wie die Omelette

Eine sehr interessante Theorie zur Entwicklung der Genera bei Lehnwörtern präsentiert Daniel Scholten in einem Video-Tutorial zur Frage Der oder das Blog.

Für alle, die nicht tiefer in sprachwissenschaftliche Theorien einsteigen wollen: Laut Duden ist die Zucchini – ja, auch im Singular! – die bevorzugte Variante, Wahrig kennt das Wort nur im Plural. Sowohl im Duden als auch im Wahrig heißt es ausschließlich der Grappa und der Mozzarella, feminine Varianten sind nicht erlaubt. Gorgonzola ist wie oben schon erwähnt eines der im Italienischen gar nicht so seltenen Maskulina mit Endung auf -a, deshalb ist auch auf Deutsch nur der Gorgonzola möglich.

Aber ich mache es mir jetzt ganz einfach: Ich esse einfach die Zucchini mit dem Mozzarella und dem Gorgonzola und hinterher genehmige ich mir ganz zünftig einen Grappa ;).

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5 Antworten auf Genus(s) für Gourmets

  1. Manche sagen umgangssprachlich auch: “Gib mir die Bier”, obwohl sie nur ein Bier meinen. Es ist ein Trend zur Vermeidung von Missverständnissen bei den Artikeln, indem man einfach alles mit “die” artikelisiert. “Setz dich an die Tisch”, “Die Spiel ist vorbei” und so weiter. Es macht wirklich vieles einfacher.

    • Scriptrix sagt:

      Sehr interessant. Diese Variante war mir bisher unbekannt. Ich habe ab und zu schon Leute reden hören, die für der, die, das einheitlich de sagen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das ein Dialekt war, und wenn ja, welcher.

      Auf jeden Fall wird es spannend sein zu beobachten, wie sich die Genera im Deutschen künftig noch entwickeln. Ob sie ganz verschwinden? Wie auch immer – wir erleben das wahrscheinlich nicht mehr.

    • unbeschreiblich sagt:

      Hallo Inger,

      wieso vermeidet es Missverständnisse, wenn man alles mit “die” artikelisiert? Bei “Gib mir die Bier” entsteht das Missverständnis ja gerade dadurch (sind ein Bier oder mehrere gemeint?). Oder anders gefragt: Wieso sollte es zu Missverständnissen führen, wenn ich die richtigen Artikel verwende?
      Außerdem kann ich den von Dir beschriebenen Trend überhaupt nicht beobachten. Das klingt ja so, als gäbe es immer mehr Menschen, die in ihrer Sprachentwicklung alle drei Artikel regelgerecht erworben haben, jetzt aber bewusst nur noch einen verwenden, um es dem Gesprächspartner leichter zu machen. Das ist doch totaler Humbug!
      Oder war Dein Beitrag als Witz gemeint?
      Dann hast Du das aber nicht genügend markiert, finde ich.
      Oder ich habe den Witz einfach nicht verstanden.

      • Ja, unbeschreiblich, ich glaube, manche Menschen benutzen den weiblichen Artikel als Scherz, sozusagen als bewusste Proletarisierung der Sprache. Es ist wohl eher kein richtiger Trend. Ich habe es nur ein wenig aufgebauscht.

        • unbeschreiblich sagt:

          Ah, verstehe.
          Vielleicht bin ich auch einfach nur ein wenig erschrocken, ich arbeite nämlich als Sprachtherapeut.
          Meine dysgrammatischen Therapie-Kinder verwenden auch manchmal nur einen Artikel, ein türkisches Mädchen beispielsweise, das zweisprachig aufwächst, nur “die”.
          Das kann ich ihr aber nicht als Trend durchgehen lassen… ;-)

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